In diesem zweiten Teil meiner persönlichen Erfahrungen über das Leben in der Schweiz als Ausländerin beschreibe ich gesellschaftliche Regeln, soziale Kontrolle und Alltagsnormen rund um Arbeit, Kommunikation, Verkehr und zwischenmenschliche Distanz. Der Text ist bewusst subjektiv und satirisch – kein Ratgeber und keine rechtliche Einordnung.
Leben in der Schweiz – soziale Kontrolle im Alltag
Dies ist der zweite Teil von How To Switzerland – Teil 1 von 2.
5) Schwarzarbeit – der Staatsfeind Nr. 1
In Tunesien existiert das Konzept „Schwarzarbeit“ kaum:
„Kannst du kurz helfen? Hier 10 Dinar.“ = Alltag.
In der Schweiz bedeutet Schwarzarbeit:
„Wir brauchen sofort die kantonale Kriminalpolizei, einen Revisionsbericht und ein Kriseninterventionsteam.“
Denn:
20 Franken Rasenmähen beim Nachbarn?
Illegal.
Eigentlich bräuchte es dafür:
- AHV-Abrechnung
- Unfallversicherung
- Lohnabrechnung
- Steuerformular
- Arbeitsvertrag
- Revisionsprotokoll
Trinkgeld? Hochgefährlich.
- Gibst du einem Sozialhilfeempfänger einen Zehner und er meldet es nicht, ist das Sozialhilfebetrug.
- Und DU bist offiziell verantwortlich für 0,0087% der jährlichen Betrugsstatistik.
Glückwunsch.
Die Schweiz sieht dich. Immer.
6) Telefonieren – nur in ausgewählten Zeitzonen
Wenn du jemanden vor 8 Uhr anrufst, bist du ein Psychopath.
Zwischen 12–13:30 ein Kriegsverbrecher.
Nach 18 Uhr eine Belästigung.
Am Sonntag der Antichrist.
Es sei denn, du bist:
- Feuerwehr
- Polizei
- Rettungsdienst
- oder die Mutter.
7) Verkehr – der helvetische Sicherheitskult
Alles, wirklich alles ist geregelt:
- Gurtenpflicht: vorne, hinten, quer durchs Auto – alle, immer.
- Motorradhelm: ohne Helm fahren ist ungefähr so wie mit einer Kettensäge durch die Migros laufen.
- Velohelm für Kinder: kein Gesetz, aber sozial gleichbedeutend mit „Ich lasse meine Kinder mit Messern spielen“.
Dazu:
- Über Rot laufen = kleine Invasion der Normen, oft mit Busse.
- Handy am Steuer = öffentliches Scherbengericht.
- Im Auto rauchen = vollständiger sozialer Ausschluss.
8) Smalltalk – bitte nicht
Fremde fragen „Wie geht’s?“ ist so intim wie ein Heiratsantrag.
Der Schweizer fragt das nur:
- wenn er mit dir verwandt ist
- oder wenn du im Sterben liegst
Zwischenmenschliche Interaktion ist streng limitiert.
Im Bus spricht niemand miteinander.
Im Lift schon gar nicht.
In der Bäckerei auch nicht.
Die Schweiz ist ein stilles Land.
Fazit – Warum ich die Schweiz verlassen habe
Die Schweiz hat alles: Geld, Sauberkeit, Ordnung, Regeln, noch mehr Regeln und Regeln über Regeln.
Ein perfekt poliertes Uhrwerk, in dem jedes Rädchen weiss, wann es sich drehen darf – und wann nicht.
Und irgendwann merkst du:
Du bist das Rädchen.
Du darfst nicht rauchen.
Nicht laut lachen.
Nicht spontan leben.
Nicht flirten.
Nicht atmen, wenn der Nachbar schläft.
Nicht schlafen, wenn der Hund einmal bellt.
Nicht existieren ohne Einverständnis des Hausreglements.
Die Schweiz ist eine Schönheitskönigin mit Null Humor und 800 Vorschriften, die sie dir täglich ins Gesicht reibt.
Tunesien hingegen ist:
warm, laut, chaotisch, menschlich, unperfekt
– und voller Menschen, die dir in zwei Minuten näher sind als ein Schweizer in zehn Jahren.
Und wenn mich jemand fragt:
„Warum bist du aus der wunderschönen, reichen Schweiz nach Tunesien gekommen?“
Dann lächle ich und sage:
„Weil ich nicht freiwillig in einer perfekt geputzten Glasvitrine wohne.“
- Der Text beschreibt gesellschaftliche Regeln und soziale Kontrolle im Schweizer Alltag.
- Themen sind Arbeit, Kommunikation, Verkehr und zwischenmenschliche Distanz.
- Der Beitrag ist bewusst überspitzt, subjektiv und satirisch.
- Er versteht sich als Fortsetzung von Teil 1.
- Der Text erklärt, warum ich mich in der Schweiz zunehmend eingeengt gefühlt habe.

