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Atheistin in Tunesien – Ich und der Islam (Teil 2)

In diesem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibe ich als Atheistin in Tunesien meine Begegnung mit dem Islam im Alltag – insbesondere meine Reaktion auf den Gebetsruf, innere Widerstände, kulturelle Prägungen und den Konflikt zwischen rationaler Kritik und körperlicher Wahrnehmung. Der Text ist kein Glaubensbekenntnis, sondern eine ehrliche Reflexion über Sinnsuche, Zweifel und Offenheit.

Wie ich als Atheistin in Tunesien wieder zur Suchenden wurde (ungewollt)

Ich hatte nicht vor, mich mit dem Islam zu beschäftigen.
Wirklich nicht.

Ich bin nicht nach Tunesien ausgewandert, um Gott zu finden. Ich habe keine Midlife-Spiritualitätskrise, keine Sinnleere mit Palmendekor, keinen plötzlichen Drang nach Kopftuch oder Konversion. Mein inneres Selbstbild war ziemlich klar: Atheistin. Durch mit Religion. Danke, Thema erledigt.

(Dachte ich. Spoiler: Ich lag falsch.)

Und dann begann mein Körper, anderer Meinung zu sein.

Ab meiner ersten Woche hier passierte etwas, das ich nicht auf dem Radar hatte: der Ruf zum Gebet. Wenn der Muezzin singt, halte ich inne. Nicht bewusst, nicht entschieden – einfach so. Ich lausche. Ich verstehe kein Wort. Und trotzdem empfinde ich etwas, das ich sehr gut kenne und sehr ernst nehme: Ruhe. Frieden. So eine tiefe, körperliche Entspannung, bei der sogar meine innere Klugscheisserin kurz den Mund hält.

Das hat mich irritiert.
Ziemlich.


Mein religiöser Hintergrund als Atheistin

oder: Warum ich eigentlich immun sein sollte

Ich komme aus einer katholischen Grundimprägnierung. Getauft, Erstkommunion, der ganze Dorf-Klimbim. Schon im Kommunionsunterricht fiel auf, dass ich offenbar den falschen Vertrag unterschrieben hatte: Ich stellte Fragen. Viele Fragen. Zu viele Fragen.

Die Antworten waren … sagen wir: unbefriedigend.

Mit neun Jahren habe ich die Bibel gelesen. Komplett. Altes und Neues Testament.
Das Alte Testament mochte ich sogar. Gott ist darin kein Kuschelpapa, sondern ein ziemlich unangenehmer Typ: launisch, grausam, eifersüchtig. Literarisch wenigstens konsequent.

Das Neue Testament hingegen war der Anfang vom Ende meines Lebens als gläubige Katholikin. Der Widerspruch zwischen dem, was dieser Jesus predigte, und dem, was die Kirche tat, war nicht zu übersehen – selbst für ein Kind.

Am Tag vor meiner Firmung habe ich der katholischen Kirche den Mittelfinger gezeigt und meinen Kirchenaustritt angekündigt. Dorf-Drama, Familien-Drama, Fegefeuer-Drohungen, Taschengeld-Erpressung – alles dabei. Ich habe es trotzdem durchgezogen.

Ab da war ich keine Gläubige mehr, sondern Suchende. Und ja, ich habe gesucht.
Ausgiebig.


Alles schon mal ausprobiert (und wieder verworfen)

Ich habe mir später ein paar Jahre im Buddhismus gemütlich gemacht – bis mir auffiel, dass Erleuchtung offenbar auch dort gern mit Hierarchien, Gurus und Macht einhergeht. Ich war Hobby-Schamanin, Wicca-Anhängerin, Räucher-enthusiastisch – bis mir klar wurde, dass ich mehr Geld für Kerzen, Stäbchen und Schutzanhänger ausgebe als für Bücher. Spätestens da war Schluss.

Seit gut zehn Jahren bin ich religiös und esoterisch sehr gut gebildet – und dadurch fast vollständig immun dagegen. Ich kenne die Muster. Die Versprechen. Die psychologischen Hebel.

Tarotkarten und Runen nutze ich bis heute. Aber streng in ihrer Schranke: als Übersetzungshilfe für mein eigenes Unbewusstes. Nicht als Orakel. Nicht als Wahrheit. Nicht als kosmischen Kundenservice.

Kurz: Eigentlich bin ich genau die Person, bei der Religion abperlt.

Eigentlich.


Warum mich der Islam in Tunesien dennoch beschäftigt

Ich glaube nicht an Gott. Das hat sich nicht geändert.
Und trotzdem spricht mich der Islam an. Nicht emotional verklärt, nicht romantisch – sondern auf eine fast nüchterne, irritierende Art.

Keine Inkarnation.
Keine Personifikation.
Kein Erlösermythos.
Kein „Gott wird Mensch und leidet stellvertretend“.

Sonne und Mond sind im Islam Zeichen, keine Heilsbringer. Der Mond strukturiert Zeit, nicht Wahrheit. Astrologie wird abgelehnt. Bilder werden vermieden. Gott bleibt radikal jenseitig.

Bedeutung liegt nicht im Himmel, sondern im Handeln.

Für eine Atheistin wie mich ist das paradox sympathisch. Der Islam wirkt nicht wie ein spirituelles Spektakel, sondern wie ein strenges Korrektiv:
Hör auf, im Kosmos nach Erlösung zu suchen. Schau auf dein Verhalten.

Das ist nicht kuschelig.
Aber klar.


Kopf vs. Bauch – Runde 37

Natürlich meldet sich mein Kopf sofort. Laut. Nervös. Belehrend.

Religion! Patriarchat! Unterdrückung! Terror! Frauenrechte!

Alles berechtigte Punkte. Alles Themen, die man nicht kleinreden darf.

Und trotzdem passiert parallel etwas anderes. Mein Bauch meldet sich. Leiser. Beharrlicher. Und sagt: Hör hin.

Nicht: Glaub das.
Nicht: Konvertier.
Sondern: Schau genauer hin, bevor du urteilst.

Wenn der Muezzin singt, verstehe ich kein Wort. Aber ich höre Disziplin, Hingabe, Ordnung, Demut. Keine Bitte um Geld. Kein emotionaler Erpressungstrick. Kein „du bist nichts ohne mich“. Einfach ein Ruf, der sagt: Es gibt etwas Grösseres als dich – und du bist trotzdem Teil davon.

Das überrascht mich jedes Mal.


Wieder Suchende – zwischen Zweifel und Offenheit

Ich frage nach. Bei Gläubigen. Im Internet. Ich bekomme viel Meinung, wenig Präzision. Viel „man muss glauben“, wenig „man darf fragen“. Das triggert mich sofort. Und trotzdem bleibe ich dran.

Ich sitze in der Sonne, schaue aufs Meer, höre Gebete, denke, lese, zweifle, sortiere. Alte Überzeugungen werden nicht verworfen – aber überprüft. Und ja, meine innere Klugscheisserin rollt dabei permanent mit den Augen.

Ich bin wieder Suchende.
Nicht verloren.
Nicht gläubig.
Nicht bereit, Bullshit als Wahrheit zu akzeptieren.

Aber offen genug, mir einzugestehen:
Manchmal kommt Sinn aus Richtungen, die man längst abgeschrieben hatte.

Wenn der Muezzin singt, halte ich inne.
Wenn die Sonne scheint, atme ich auf.

Mehr weiss ich gerade nicht.
Und für den Moment reicht das.

Unter derselben Sonne.

  • Ich beschreibe meine persönliche Wahrnehmung des Islams im tunesischen Alltag.
  • Der Text thematisiert den inneren Konflikt zwischen rationaler Kritik und körperlicher Ruhe beim Gebetsruf.
  • Es geht nicht um Konversion, sondern um Offenheit und Selbstbeobachtung.
  • Patriarchat, Macht und politische Aspekte von Religion bleiben bewusst Teil meiner kritischen Perspektive.
  • Der Beitrag versteht sich als offener Erfahrungsbericht – nicht als religiöse Einordnung.
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