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Wenn „nicht scharf“ ein Loch in deine Seele brennt

In diesem persönlichen Alltagsessay beschreibe ich eine typische Erfahrung aus meinem Leben in Tunesien – ausgelöst durch Essen, aber eigentlich handelnd von Kommunikation, Tempo und kulturellen Missverständnissen. Der Text ist kein kulinarischer Bericht, sondern eine subjektive Beobachtung darüber, wie Worte, Versprechen und Rhythmen hier anders funktionieren als in der Schweiz.

Ich sitze in meiner vorübergehenden Wohnung und warte darauf, dass das Brennen in meinem Mund und Hals nachlässt.

„Nicht scharf“, meinte Riadh gestern ganz aufrichtig.

Nun ja. Nicht scharf für ihn. Für mich war es ein Ganzkörpertraining für Zunge, Lippen und Speiseröhre.

Selbst jetzt schmecken die Reste himmlisch, auch kalt noch lecker. Aber die Schärfe? Sagen wir einfach, das Käsefondue-Kind aus der Schweiz wurde wieder einmal in ihre Schranken gewiesen.

Und ja, ich werde mich daran gewöhnen. Ich habe tunesische Küchen schon einmal überstanden und werde sie wieder überstehen. Das ist es nicht, was mich nervt.

Was mich nervt, ist diese Art der tunesischen Kommunikation, die mich jeden Tag trifft.

Tunesier reden. Viel. Sie reden laut. Sie reden schnell. Und sie redigen – nennen wir es mal „luftige Poesie“. Keine Dummheit, keine Bosheit, nur … die völlige Unfähigkeit, sich in meine Lage zu versetzen. Sie können es nicht, weil sie nie in dieser Lage waren.

Also ist „nicht scharf” ihre Wahrheit. Und mein Verlangen nach Wasser ist meine.

Manchmal frage ich mich: Sind sie vergesslich? Oder geniessen sie einfach den Rhythmus der Worte so sehr, dass Genauigkeit nebensächlich wird?

So oder so, ich habe aufgehört, mich auf Aussagen wie diese zu verlassen:

Worte wie Rauch. Versprechen wie Sand im Wind.


eben in Tunesien – Kommunikation im Schnellvorlauf

Fissa Fissa – Leben im Schnellvorlauf

Was du ausserdem wissen musst: Tunesier leben im Schnellvorlauf. Alles ist fissa fissa.

Die Strasse überqueren? Vergiss gemütliche Sonntagsspaziergänge. Hier rennst du, als hinge dein Leben davon ab – denn das tut es auch.

Tag zwei auf Tinder, und schon will sich ein Typ im „La Sirène“ treffen? Mais oui. Warum Zeit mit Small Talk verschwenden?

In der Zwischenzeit stecke ich in einer Sprachlimbo fest: Meine Witze kommen nicht an, meine Ausdrücke stolpern, und mein Gehirn jongliert gleichzeitig mit Französisch, Englisch und Arabisch.

Alltag in Tunesien – wenn Worte keine Verbindlichkeit kennen

Als dann eine Nachricht eingeht: „Ich bin in deiner Nähe, Kaffee?”, gerate ich in Panik.

Oder nehmen wir die Wohnungssaga. Ich zeige jemandem ein Mietangebot, weil ich neugierig bin, was er davon hält. Und schon steht ein Termin in Tabarka fest. Wollte ich nach Tabarka ziehen? Nein. Liebe ich Sousse? Ja. Habe ich es geschafft, die Lawine zu stoppen? Absolut nicht.

Die Schweizerin in mir kann nicht einfach nein sagen. Stattdessen mache ich mich auf den Weg, um eine winzige Wohnung zu besichtigen, um die ich nie gebeten habe. Ein lächerlicher Umweg. Und doch – eine überraschend lustige Nebenquest.

Das ist der Rhythmus hier: Einladungen tauchen auf, Termine kommen zustande, Worte verstreuen sich wie Vögel. Wenn man sich dagegen wehrt, versinkt man in Frustration. Wenn man mitmacht, sammelt man Erfahrungspunkte.

Also passe ich mich an. Meine Beta-Version ist fehlerhaft, aber ich arbeite daran. Die Grafik wird schärfer, die Skins und Meshes werden poliert. Die NPCs können ihre verrückte Dialoggeschwindigkeit behalten.

In der Zwischenzeit sammeln Zia + Luna weiter XP und steigen Tag für Tag in dieser seltsamen, lauten, schönen tunesischen Sandkiste im Level auf.

  • Der Text beschreibt eine persönliche Alltagserfahrung in Tunesien.
  • Auslöser ist Essen, Thema ist Kommunikation und Rhythmus.
  • Es geht nicht um Küche, Rezepte oder Sprachregeln.
  • Der Beitrag reflektiert kulturelle Unterschiede ohne Wertung.
  • Der Text ist eine subjektive Momentaufnahme.
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