Atheistin in Tunesien – Unter derselben Sonne (Einleitung)

In dieser Einleitung zu meiner Textserie beschreibe ich als Atheistin meine persönlichen Erfahrungen mit Religion und Sinnsuche in Tunesien. Der Beitrag thematisiert meine Begegnung mit dem Islam im Alltag, innere Widerstände, kulturelle Prägungen und die überraschende Ruhe, die ich in religiösen Momenten erlebe – ohne daraus ein Glaubensbekenntnis zu machen.
Ich bin Atheistin.
Nicht so eine unsichere „Ich glaube halt irgendwie nicht“-Atheistin, sondern eine recht entspannte „Ich bin durch mit Religion“-Version davon. Meine innere Klugscheisserin sitzt meist mit verschränkten Armen da, hebt eine Augenbraue und kommentiert Glaubenssysteme mit einer Mischung aus historischer Bildung, Lebenserfahrung und milder Genervtheit.
Religion?
Durchgespielt.
Christentum? Abgehakt.
Esoterik? Immunisiert.
Oder so dachte ich zumindest.
Atheistin in Tunesien – warum diese Textserie entstanden ist
Diese Textserie ist der Versuch, einem Gedankenchaos zuzuschauen, das sich nicht an meinen eigenen Selbstentwurf hält. Denn seit ich in Tunesien lebe, passiert etwas Merkwürdiges: Mein Kopf stellt Fragen, die ich eigentlich für erledigt hielt – und mein Körper antwortet schneller als mir lieb ist.
Da sitzt also meine kleine „Ich steh da sowas von drüber“-Klugscheisserin auf der Schulter und schaut fassungslos zu, wie mein Denken in Lichtgeschwindigkeit kreist:
Warum fühlt sich das gut an?
Wie ist das eigentlich genau gemeint?
Moment mal – die Religion, die wir in Europa reflexartig mit Terror, Unterdrückung und Bomben in Rucksäcken verbinden, hat gerade… heilsame Seiten? WTF?
Und während mein Verstand hektisch Wikipedia-Artikel, Religionsgeschichte und politische Kontexte durchackert, macht mein Körper etwas völlig Unwissenschaftliches: Er kommt zur Ruhe.
Beim Hören eines Gebets.
In einer Sprache, die ich nicht verstehe.
Bei einem Ruf, der für viele von uns untrennbar mit Angst verknüpft ist: Allahu akbar.
Diese Serie ist kein Glaubensbekenntnis.
Sie ist auch keine Verteidigung des Islams.
Und ganz sicher keine Abrechnung mit anderen Religionen.
Sie ist der ehrliche Versuch einer atheistischen, naturspirituellen, leicht sarkastischen Frau, sich einzugestehen, dass Sinnsuche kein abgeschlossenes Kapitel ist – selbst dann nicht, wenn man denkt, man habe alles schon gelesen, durchschaut und einsortiert.
In Teil 1 („Unter derselben Sonne“)
geht es um meine Beziehung zu Natur, Licht und einer Spiritualität ohne Gott.
Um meine Verehrung für Sonne, Himmel und Ordnung – und darum, warum mir diese Form von Sinn nie Angst gemacht hat.
In Teil 2 („Ich und der Islam“)
wird es persönlicher. Unbequemer. Widersprüchlicher.
Es geht um meine religiöse Biografie, meine Allergie auf Bullshit – und darum, warum mich ausgerechnet der Islam in Tunesien wieder zur Suchenden gemacht hat. Widerwillig. Neugierig. Und erstaunlich friedlich.
Ich verspreche keine Antworten.
Aber ehrliche Fragen.
Und ein paar gedankliche Stolpersteine, über die man ruhig gemeinsam schmunzeln darf.
- Ich lebe als Atheistin in Tunesien und begegne Religion hier im Alltag sehr direkt.
- Der Text beschreibt persönliche Erfahrungen mit islamischen Gebeten und religiösen Symbolen.
- Es geht nicht um Verteidigung oder Kritik des Islams, sondern um innere Wahrnehmung.
- Die Serie thematisiert Sinnsuche, Ambivalenz und eigene kulturelle Prägungen.
- Die folgenden Teile vertiefen Naturspiritualität und meine persönliche Beziehung zum Islam.
