Wer als Ausländer in Tunesien lebt, braucht früher oder später ein tunesisches Bankkonto. Spätestens dann, wenn es um die Carte de séjour geht.
Was nach einem simplen Verwaltungsakt klingt, kann sich allerdings zu einer kleinen Odyssee entwickeln.
In diesem Beitrag teile ich meine persönliche Erfahrung, wie ich als Schweizerin in Sousse ein Bankkonto eröffnet habe – inklusive Papierlawinen, Filialbindung und unerwarteter „Risiko“-Einstufung.
Dies ist keine allgemeingültige Bewertung des tunesischen Bankwesens, sondern ein ehrlicher Erfahrungsbericht aus dem Expat-Alltag.
Kapitel 1: Das erste Bankkonto – Beziehungen statt Beratung
Zu meinem ersten tunesischen Bankkonto kam ich nicht über ein Beratungsgespräch, sondern über Beziehungen.
Riadh, mein Guide der ersten Wochen in Sousse, hat eine Schwester, die bei der BIAT (Banque International Arabe Tunisie) Sousse Medina arbeitet. Also stand ich Anfang September 2025 mit meinem Reisepass in einer Mini-Filiale irgendwo tief im Labyrinth der Medina. Erreichbar nur zu Fuss – und nur mit ortskundiger Begleitung.
Man schickt mich vom Erdgeschoss ins Obergeschoss in ein Büro, das aussieht, als hätte es seit 2001 keine nennenswerte Investition mehr gesehen. Ein Computer steht da. Modell frühe 2000er. Ich war kurz versucht zu prüfen, ob Windows 98 noch tapfer seinen Dienst verrichtet.
Und ja – ich darf mir dieses Urteil erlauben.
Ich habe um die Jahrtausendwende selbst im Schweizer Bankwesen gearbeitet – in der Informatik, nicht am Schalter. Ich weiss sehr genau, was Bankensysteme damals bereits leisten konnten: digitale Prozesse, standardisierte Abläufe, nachvollziehbare Dokumentation.
Was ich hier erlebe, fühlt sich weniger nach strukturiertem System und mehr nach individueller Improvisation an. Mit sehr viel Papier.
Mein Reisepass wird mehrfach kopiert.
Ich unterschreibe Dokumente, deren Inhalt mir nicht erklärt wird.
Kommunikation? Minimal.
Nach etwa einer Stunde halte ich ein Blatt Papier in der Hand. Eine IBAN. Meine IBAN. Das wird auf Nachfrage bestätigt.
Willkommen im tunesischen Bankensystem.
E-Banking in Tunesien – MyBIAT zwischen Hoffnung und Realität
Kurz bevor ich wieder in die Medina entlassen werde, frage ich nach E-Banking.
Man installiert mir die App „MyBIAT“ auf meinem Smartphone. Noch eine Stunde später kann ich immerhin meinen Kontostand einsehen.
Service-Level: funktional.
Erklärungs-Level: ausbaufähig.
Überweisung von der Schweiz nach Tunesien – Geduld mitbringen
Ich überweise testweise einen kleinen Betrag von meinem Schweizer Konto auf mein tunesisches Konto.
Acht Tage später kommt das Geld an.
14 CHF sind unterwegs als „Commission virement etranger“ verschwunden.
Ich frage mich kurz, wo mein Geld in dieser Zeit war. Vielleicht auf dem Rücken eines sehr entspannten Packesels vom Hafen in Tunis nach Sousse.
Aber: Es kommt an.
Bargeld abheben ohne Bankkarte? Theoretisch ja.
Mir wurde erklärt, ich könne mit IBAN und Reisepass an jedem BIAT-Schalter Bargeld abheben.
Praktisch bedeutet das: Taxi organisieren, halbe Stunde fahren, Schlange stehen.
Also beantrage ich über die App eine Bankkarte.
Antwort nach fünf Tagen:
Bitte wenden Sie sich an Ihre Filiale.
Filialbindung im tunesischen Bankwesen – jede Filiale ein eigenes Universum
Ich fahre zur BIAT nach Kantaoui.
Dort erklärt man mir, ich müsse den Kartenantrag in der Filiale stellen, in der das Konto eröffnet wurde.
„Aber es ist doch dieselbe Bank?“
Schulterzucken.
Offenbar liegt mein Geld in einem unsichtbaren Körbchen exakt in der Medina von Sousse, und nur dort darf man es verwalten.
Mehrere Taxifahrten, Mittagspausen, Vertretungen und „Chodua inshallah“-Momente später halte ich zwei Karten in der Hand:
- BIAT Premier
- BIAT Univers
Mit einer kann ich Geld abheben. Wozu die andere dient, bleibt unklar.
Aber immerhin: Ich habe eine funktionierende Bankkarte.
Auslandüberweisungen – eingeschränkte Beweglichkeit
Mit meinem BIAT-Konto sind nach meiner Erfahrung keine SWIFT-Überweisungen ins Ausland möglich.
Geld, das ich aus der Schweiz nach Tunesien überweise, bleibt faktisch im tunesischen System. Revolut aufladen funktioniert ebenfalls nicht.
Für Expats mit finanziellen Verpflichtungen im Ausland ist das ein echtes Problem.
Warum ich trotzdem ein tunesisches Bankkonto brauche
Der Grund heisst: Carte de séjour.
Die tunesische Fremdenpolizei verlangt eine Bestätigung einer tunesischen Bank, dass regelmässig ausreichend Geld eingeht.
Ich nutze dieses Konto also nicht aus Überzeugung, sondern aus aufenthaltsrechtlicher Notwendigkeit.
Versuch Nummer zwei: BH und Attijari Bank
Bei der BH Banque wird mein Antrag angenommen – drei Tage später folgt die Mitteilung:
Ich sei ein „zu hohes Risiko“.
Welche Kriterien hier angewendet wurden, wurde mir nicht erklärt. Ich beantragte keinen Kredit. Ich wollte lediglich ein Konto eröffnen, auf das ich eigenes Geld einzahle.
Bei der Attijari Bank erhalte ich eine klare Aussage:
Ohne definitive Carte de séjour kein Konto.
Zumindest transparent.
Die Überraschung: BIAT Kantaoui
Am Tag, an dem ich meine provisorische Carte de séjour erhalte, eröffne ich ein zweites Konto bei der BIAT in Kantaoui.
Gleiche Bank.
Völlig andere Erfahrung.
Freundlich.
Kompetent.
Strukturiert.
Alles erledigt in zwanzig Minuten.
Am Ende überreicht mir die Beraterin ihre Visitenkarte – inklusive Festnetznummer, E-Mail-Adresse und handschriftlich notierter WhatsApp-Nummer.
Ich hätte fast geweint.
Weil plötzlich jemand einfach seinen Job macht.
Was ich gelernt habe – Bankkonto in Tunesien als Ausländer eröffnen
- Jede Filiale ist ein eigenes Universum.
- Ohne Carte de séjour wird es kompliziert.
- Prozesse sind stark personengebunden.
- Geduld ist keine Tugend – sie ist Pflicht.
- Es kann frustrierend sein. Aber es ist möglich.
Vielleicht bin ich besonders sensibel für ineffiziente Prozesse. Wer einmal gesehen hat, wie leistungsfähig Bankinformatik schon vor 25 Jahren war, erkennt sehr schnell, wenn Strukturen weniger systemisch als individuell organisiert sind.
Und trotzdem: Es geht. Nur manchmal eben mit Umwegen.
FAQ – Bankkonto in Tunesien als Ausländer
In meiner Erfahrung verlangen viele Banken zumindest einen laufenden Antrag oder die definitive Aufenthaltskarte. Ohne Aufenthaltsstatus kann es schwierig werden.
Mit meinem BIAT-Konto war keine SWIFT-Überweisung ins Ausland möglich. Das kann je nach Bank variieren.
In meinem Fall dauerte eine Überweisung bis zu acht Tage. Die ersten Überweisungen dauern länger, da jede Transaktion manuell geprüft wird. Später geht es etwas schneller, man sollte jedoch auch dann mit bis zu fünf Tagen rechnen.
Nein. Bei der BIAT wird ein erster Zahlungseingang von mindestens 300 TND vorausgesetzt. In meinem Fall musste ich die Karte separat beantragen – ausschliesslich in der Filiale, in der das Konto eröffnet wurde.
Revolut ist schneller, besser, unkomplizierter und tatsächlich auch noch günstiger als mein BIAT-Konto. Für die Carte de séjour reicht es jedoch leider nicht, da eine Bestätigung einer tunesischen Bank verlangt wird.

