Ich bin nicht wegen der Sonne hier – Auswandern nach Tunesien mit Depression

Auswandern nach Tunesien mit Depression – Heilung, Stabilität und mentale Gesundheit.
Dieser persönliche Essay beschreibt, warum meine Auswanderung nach Tunesien kein romantischer Neuanfang war, sondern ein bewusster Schritt in einem über zwanzigjährigen Heilungsprozess nach Depression und psychischer Erkrankung. Es geht um Stabilität, mentale Gesundheit, gesellschaftliche Erwartungen – und darum, was es wirklich bedeutet, leben zu wollen.
Ein Morgen in Chott Meriem – Alltag in Tunesien
Heute hat sich nach einer stürmischen Februarwoche endlich wieder die Sonne gezeigt.
Ich sitze mit meiner Cocker-Jack-Hündin Luna am Strand von Chott Meriem, auf einem Ziegelstein, und schaue hinaus auf die endlose blaue Weite des Mittelmeers.
Es ist still an diesem Morgen.
Ich lausche der Brandung, den fernen bellenden Hunden, dem Wind in den Palmen. Ich atme durch. Ich spüre, wie die Anspannung aus meinen Muskeln weicht. Und ich geniesse diesen Moment – mit einer Achtsamkeit, die ich mir hart erarbeitet habe.
Warum ich wirklich ausgewandert bin
Viele glauben, ich sei wegen der Sonne ausgewandert.
Wegen des Meeres. Wegen des leichteren Lebens.
Und sie haben natürlich recht.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Sonne als Metapher für mentale Gesundheit
Sonne bedeutet für mich nicht nur Wärme.
Sonne bedeutet Licht.
Und Licht ist mehr als das Gegenteil von Dunkelheit. Es ist das Gegenteil von Depression.
Der düstere Schatten einer depressiven Erkrankung hat mich viele Jahre meines Lebens begleitet. Meine Auswanderung war kein spontaner Neuanfang und keine romantische Sehnsucht nach Süden. Sie war ein weiterer, konsequenter Schritt in einem über zwanzigjährigen Heilungsprozess.
Über zwanzig Jahre Heilungsprozess
Es hat zwei Jahrzehnte gedauert, bis ich dort ankam, wo ich heute bin.
Unzählige Therapiestunden. Psychoedukation. Selbstreflexion. Rückschläge. Und eine unbeugsame Entschlossenheit, gesund zu werden.
Seit bald einem Jahrzehnt bin ich stabil.
In der Welt psychischer Erkrankungen bedeutet das nicht „alles ist wieder gut“. Stabil heisst: frei von akuten Krisen. Frei von neuen Traumatisierungen. Wieder auf eigenen Füssen stehen – auch wenn es manchmal noch wackelt.
Stabil ist der Zustand, in dem die eigentliche Heilung erst beginnt.
Psychische Erkrankung und Arbeitsfähigkeit – ein gesellschaftliches Missverständnis
Gesundheit wird in vielen Systemen – bei Ärzten, bei Behörden – über Arbeitsfähigkeit definiert. Nicht krankgeschrieben sein gilt als Beweis für Genesung. Für psychische Erkrankungen ist das ein zu einfaches Raster. Wer je durch Depression, Trauma oder Angst gegangen ist, weiss: Heilung lässt sich nicht in Prozent Arbeitsfähigkeit messen.
Neustart mit Depression im Lebenslauf
Als ich vor rund zehn Jahren endlich wieder stabil war, stand ich dennoch auf einem Scherbenhaufen. Schulden. Ein zerrissener Lebenslauf. Ein Arbeitsmarkt, der Lücken weniger verzeiht als Fehler. Und eine Gesellschaft, die bei psychischen Diagnosen schneller misstraut als versteht.
Ich habe alles versucht, um in mein altes Leben zurückzukehren.
Aber es gibt kein „Zurück vor den ersten Absturz“.
Also habe ich beschlossen, nicht länger auf dem Scherbenberg zu stehen. Sondern hinunterzusteigen. Und zu gehen.
Nicht aus Flucht.
Sondern aus Konsequenz.
Mentale Gesundheit im Ausland – Leben statt funktionieren
Hier in Tunesien beginne ich noch einmal. Nicht als anderer Mensch – sondern als derselbe Mensch, der endlich verstanden hat, was er braucht, um gesund zu bleiben.
Mentale Gesundheit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist eher wie Nüchternheit bei einer Suchterkrankung: Man wird nicht plötzlich jemand ohne Geschichte. Aber man lernt, verantwortlich mit ihr zu leben.
Ich weiss heute, dass ich das kann.
Ich habe Werkzeuge. Ich habe Selbstmitgefühl. Ich habe Geduld. Und ich habe die Fähigkeit, meine Grenzen zu achten.
Und manchmal nehme ich einen Ziegelstein, suche mir mit Luna einen sonnigen Abschnitt am Strand, setze mich in den Sand und erlaube mir ein paar Minuten einfach nur zufrieden zu sein. Präsent. Achtsam. Lebendig.
Vielleicht erzähle ich irgendwann mehr von dem Weg, der mich hierher geführt hat.
Aber für heute reicht das.
Ich bin nicht wegen der Sonne hier.
Ich bin hier, weil ich leben will.