Leben in Tunesien: Tantana vs. Kantaoui – Meine tunesische Realitätsprüfung

In diesem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibe ich meine erste Wohnrealität in Tunesien – zwischen der Expat-Fantasie von Kantaoui und dem ungefilterten Alltag in Tantana. Der Text ist kein Wohnratgeber, sondern eine ehrliche Momentaufnahme darüber, wie Erwartungen, Umgebung und Realität beim Ankommen auseinanderklaffen können.
Auswandern nach Tunesien – Akt I – der Masterplan
Ich hab immer einen Plan. Nicht nur einen – meistens zwei oder drei, ordentlich gestapelt wie ein Tarotkartenspiel, das meine Zukunft vorhersagt.
Der Plan für meine Auswanderung nach Tunesien war (theoretisch) solide:
- Stilvoll fliegen, „Expat light”.
- Mich in einem Luxusapartment in Kantaoui niederlassen, mit bewachten Toren, wiegenden Palmen und Gärtnern, die Hecken in perfekte geometrische Muster schneiden.
- Ein bisschen Arabisch lernen, mich elegant integrieren, vielleicht sogar Minztee auf einem Balkon mit Blick auf das Meer schlürfen.
- Nach einem Jahr sanft in ein „normales“ Viertel in Sousse umziehen.
Das war die Fantasie. Die Realität hatte wie immer andere Pläne.
Akt II – Kantaoui – Expat-Fantasie vs. Wohnrealität
Oberflächlich betrachtet war Kantaoui bildschön. Die Kleinanzeige versprach luxuriöses Wohnen, die Fotos waren glänzend, die Möbel angeblich brandneu.
Was ich stattdessen bekam: aussen hui, innen pfui.
Das Gebäude sah glamourös aus, aber das Innere war eine Ansammlung kaputter Möbel, die seit mindestens zehn Jahren nicht mehr neu waren. Profi-Tipp: Immobilienfotos in Tunesien werden offenbar einmal in zehn Jahren aufgenommen und dann unbegrenzt wiederverwendet.
Das war die berüchtigte Dahmen-Immo-Krise, über die ich schon geschimpft habe. Ich unterschrieb einen Mietvertrag für eine Einrichtung, die angeblich „weniger als ein Jahr alt” sein sollte. In Wirklichkeit war sie „weniger als ein Jahrhundert alt”. Ein glitzernder Käfig voller Ramsch.
Akt III – Tantana – Alltag, Ameisen und Erdung
Also zog ich nach Tantana. Auf dem Papier das Gegenteil von Kantaoui. Hier ist es aussen pfui, innen hui.
Das Haus selbst – oder besser gesagt, die untere Etage, die ich miete – ist geschmackvoll eingerichtet. Stilvoll, sogar elegant. Ausnahmsweise mal haben die Bilder nicht gelogen.
Aber dann kamen die Armeen.
Ameisen, die so hungrig sind, dass sie blitzschnell Überfälle starten. Man kann nicht mal ein einfaches Sandwich machen, ohne dass die Küche in ein Insektenbuffet verwandelt wird. Eine Brotkrümel auf der Arbeitsplatte ist schneller weg als meine Würde.
Und die Kakerlaken. Gross genug, um einen eigenen Pass zu haben. Eine hat mir neulich abends zugewunken. Ich hätte fast sofort einen Flug nach Hause gebucht. Nur das fehlende zuverlässige Internet hat mich vor einer demütigenden Notrückreise in die Schweiz bewahrt.
Akt IV – Erwartungen und Realität beim Leben in Tunesien
Um es klar zu sagen: Ich kannte Tunesien schon vorher. Jendouba war kein Märchen. Mir war völlig klar, dass dies im Vergleich zur Schweiz ein Entwicklungsland ist.
Aber ich dachte ehrlich gesagt, dass mich jahrzehntelanges Pfadfindertum und Camping abgehärtet hätten. Gasflaschen zum Kochen? Niedlich. In der Schweiz benutzen wir die für Campingausflüge. Hier ist das Alltag, und ich zucke nur mit den Schultern.
Aber nichts – absolut nichts – hat mich auf die kriechende Realität vorbereitet.
Nicht die Mücken, nicht die streunenden Katzen, nicht einmal meine alten Pfadi-Latrinen. Ameisen und Kakerlaken haben mir den Krieg erklärt, und anders als bei meiner Campingabzeichen-Sammlung kriege ich keine Medaille dafür, dass ich sie überlebt habe.
Akt V – Ankommen in Tunesien – der menschliche Faktor
Die Leute in Tantana? Sie sitzen draussen und beobachten mich neugierig. Nicht feindselig, aber auch nicht freundlich. Sie beobachten mich einfach nur. Kein Small Talk. Kein „Willkommen in der Nachbarschaft”. Nur Blicke. Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere. Vielleicht liegt es an mir.
In der Zwischenzeit:
- Kein Geldautomat in Sicht.
- Keine Mars Gold Zigaretten in den örtlichen Geschäften.
- Fischrestaurants ohne Speisekarte.
- Carrefour weigert sich, meine Strasse überhaupt anzuerkennen, es sei denn, ich gebe mit hektischen Handgesten von der Hauptstrasse aus Anweisungen.
Willkommen in Tantana.
Statusbericht
Erschöpft. Überwältigt. Leicht paranoid.
Aber hey – brutal entblösst, unverfälscht und sehr lebendig.
- Der Beitrag beschreibt persönliche Wohnerfahrungen in Tunesien.
- Verglichen werden Expat-Wohnlagen und lokaler Alltag.
- Der Text ist kein Immobilien- oder Auswanderungsratgeber.
- Er zeigt den emotionalen Übergang zwischen Erwartung und Realität.
- Die Erfahrungen sind subjektiv und momentbezogen.