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Atheistin in Tunesien – Unter derselben Sonne (Teil 1: Spiritualität ohne Religion)

In diesem persönlichen Essay beschreibe ich als Atheistin in Tunesien meine Sicht auf Spiritualität ohne Religion. Es geht um meine Beziehung zu Natur, Licht, Ordnung und Sinn – und darum, warum für mich Staunen und Verbundenheit keine religiöse Deutung brauchen.

Ich verehre die Sonne.
Das ist einer dieser Sätze, bei denen meine innere Klugscheisserin kurz innehält und prüft, ob ich mich gerade selbst in eine esoterische Ecke manövriere.

Tue ich nicht.

Ich meine das ganz banal, körperlich, existenziell. In der kalten Jahreszeit bin ich wortwörtlich eine Sonnenanbeterin. Mein Körper weiss sehr genau, was ihm fehlt, wenn Licht fehlt. Wenn die Sonne scheint, geht es mir besser. Punkt.

Dafür brauche ich keinen Gott.

Ich bin Atheistin. Und ja, auch in weiten Teilen anti-religiös. Religionen – und grosse Teile der Esoterik gleich mit – waren für mich immer schon zweischneidige Werkzeuge: Sinnstiftung auf der einen Seite, Machtinstrumente auf der anderen. Und auffallend oft auch Geschäftsmodelle. Gott, dieses allmächtige, allwissende Wesen, scheint wirklich ein chronisches Problem mit Geld zu haben. Denn davon braucht er offenbar nie genug.

Und trotzdem empfinde ich eine tiefe Spiritualität.
Nicht im Übernatürlichen, sondern im Natürlichen. In Zyklen. In Wiederkehr. In Ordnung. In der schlichten Tatsache, dass wir auf einem winzigen Planeten um einen durchschnittlichen Stern kreisen, der zufällig genau genug Energie liefert, damit wir existieren können. Das reicht mir für Staunen. Und oft auch für Ehrfurcht.


Himmel lesen, bevor man ihn glaubt

Dass Menschen seit Jahrtausenden zum Himmel geschaut haben, um Antworten zu finden, erscheint mir vollkommen logisch. Sonne, Mond und Sterne waren keine romantischen Symbole, sondern Überlebensgrundlagen. Wer die Zyklen verstand, konnte säen, ernten, planen. Archäologisch ist das gut belegt: Sonnenwend-Ausrichtungen, Mondkalender, Sternbeobachtungen in fast allen frühen Kulturen.

Das war keine Religion.
Das war kluge Beobachtung. Und vermutlich der Anfang von allem, was später kompliziert wurde.

Aber der Mensch ist kein Taschenrechner. Er ist ein erzählendes Wesen. Also wurden aus Zyklen Bedeutungen, aus Ordnung Geschichten, aus Wiederkehr Hoffnung. Mythen entstanden nicht, weil Menschen dumm waren, sondern weil sie Sinn brauchten.

Die Sonne wurde dabei zwangsläufig zentral. Sie spendet Licht, Wärme, Leben. Sie verschwindet und kehrt zurück. Wer davon abhängig ist, beginnt, ihr mehr zuzuschreiben als nur Physik. Nicht aus Naivität – sondern aus Erfahrung.


Spiritualität ohne Religion – meine persönliche Perspektive

Für mich bedeutet Spiritualität nicht, an etwas Übernatürliches zu glauben.
Sie bedeutet, Verbundenheit zu empfinden, ohne sie erklären oder besitzen zu wollen. Die Natur braucht keine Absicht. Das Universum keine Moral. Und trotzdem ist da etwas, das mich berührt.

Ich brauche dafür keine Religion. Und keine Esoterik, die mir alles erklärt. Im Gegenteil: Je vollständiger mir jemand die Welt erklären will, desto misstrauischer werde ich.

Vielleicht liegt Sinn nicht in Antworten, sondern im Aushalten von Fragen.
Vielleicht liegt Ehrfurcht nicht im Glauben, sondern im Staunen.

Unter derselben Sonne.

Und bis hierhin hätte diese Geschichte für mich eigentlich enden sollen.
Natur. Himmel. Staunen. Keine Dogmen, keine Machtfragen.

Dass sie das nicht getan hat, liegt nicht an neuen Überzeugungen –
sondern daran, dass ich nicht im Abstrakten geblieben bin.

Teil 2 – Ich und der Islam: Warum mich ausgerechnet diese Religion wieder ins Fragen bringt.

  • Ich beschreibe Spiritualität als Verbundenheit mit Natur, Licht und Ordnung.
  • Für mich braucht Sinn keine übernatürliche Erklärung und keine religiösen Systeme.
  • Historische Himmelsbeobachtung verstehe ich als Ursprung von Orientierung – nicht von Glauben.
  • Ehrfurcht entsteht für mich aus Staunen, nicht aus Dogmen.
  • Dieser Text bildet die Grundlage für den folgenden Teil über meine Begegnung mit Religion im Alltag in Tunesien.
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