Leben in Tunesien – Der tunesische Winter: Ein Land zum Sterben schön (2)

In diesem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibe ich meinen ersten Winter in Tunesien – zwischen fehlender Heizung, Improvisation, Kulturschock und dem überraschenden Unterschied zwischen schweizerischer und tunesischer Kälte. Der Text ist kein Ratgeber, sondern eine subjektive Alltagserfahrung aus Chatt Meriem.
Als ich meinen Umzug von der Schweiz nach Tunesien plante, machte ich mir nur wegen einer Sache Sorgen: dem Sommer.
Die Hitze.
Vierzig Grad.
Das Überleben.
Ich arbeite von zu Hause aus, tunesische Häuser bleiben kühl, und im schlimmsten Fall gibt es eine Klimaanlage. Ausserdem sind die tunesischen Sommernächte warm, lebendig und angenehm. Um 3 Uhr morgens gibt es immer noch Cafés, Essen, Zigaretten, Leben. Anders als in der Schweiz, wo die Gehwege um 22 Uhr höflich hochgeklappt werden.
Heisse Sommer?
Perfekt.
Her damit.
Leben in Tunesien – wenn Erwartungen auf Realität treffen
Worauf ich nicht vorbereitet war, war der tunesische Winter.
Zehn Grad Celsius klingen aus der Schweiz betrachtet bezaubernd. Fast frühlingshaft. Jeder Schweizer Winter ohne Minuszeichen gilt als Luxuserlebnis. Also lächelte ich, packte eine etwas dickere Jacke ein und machte weiter mit meinem Leben.
Fehler.
Im Dezember lebte ich noch in einer beheizten Wohnung und schickte selbstgefällige Selfies an Freunde zu Hause. Sonnenschein. Blauer Himmel. Neid garantiert. Die Schweiz versank im Nebel, ich hatte das goldene Ticket.
Dann kam das Angebot: eine brandneue Wohnung. Panoramafenster. Meerblick.
Baustellenatmosphäre, aber Rohre, die aus den Wänden ragten. Für mein Schweizer Gehirn bedeutete das eindeutig: Es wird geheizt werden. Warum sonst sollten diese Rohre da sein? Dekoration? Minimalistische Kunst? Kleiderbügel?
Schneller Vorlauf: Anfang Januar. Ich ziehe ein.
Kein Gas.
Keine Heizung.
Kein warmes Wasser.
Willkommen im tunesischen Winter.
Ich habe sehr schnell etwas Wichtiges gelernt:
Minus fünfzehn Grad in der Schweiz sind harmlos. Denn sie dauern nur zwanzig Minuten – zwischen zwei beheizten Räumen.
Zehn Grad in Tunesien begleiten dich Tag und Nacht. Unerbittlich.
Ich verbrachte Tage lang in Wolldecken eingewickelt wie ein tragischer Burrito. Putzen war eine Fantasie. Duschen wurde zu einer historischen Nachstellung. Ich kochte Wasser mit einem Wasserkocher und wusch mich mit mittelalterlichen Techniken.
Und dann waren da noch die Toilettengänge.
Ich weiss nicht, ob es medizinisch möglich ist, bei zehn Grad zu erfrieren. Aber wenn man nachts auf einer eiskalten Keramiktoilette sitzt – nackt, verletzlich, seine Lebensentscheidungen hinterfragend – fühlt es sich auf jeden Fall wie eine hervorragende Art zu sterben an.
Tunesien. Ein Land, für das man sterben würde.
Versprechungen gab es täglich. Lösungen nicht. Mir wurde gesagt, ich würde übertreiben. Dass mir Geduld fehle. Dass das normal sei.
Eines Nachts hätte ich fast einen Flug zurück in die Schweiz gebucht. Stattdessen isolierte ich die Türspalten mit Kleidung, weinte ein wenig, kuschelte mich an meinen frierenden Hund und schlief ein.
Am nächsten Morgen umarmte ich meine innere Tunesierin.
Überleben im tunesischen Winter – Improvisation statt Komfort
Ich log kreativ. Über Behörden. Über Dringlichkeit. Über imaginäre Telefonate. Innerhalb von 24 Stunden erschien eine provisorische Gasleitung – ein Meisterwerk der Improvisation, zusammengehalten von Optimismus und einem Glauben, der den Gesetzen der Physik trotzte.
Es gab wieder heisse Suppe.
Die Hoffnung kehrte zurück.
Ich kaufte einen Ölheizofen. Dann eine Klimaanlage – um den Winter zu überstehen. Sie wurde innerhalb eines Tages installiert.
Jetzt heize ich auf eigene Kosten.
Ist das fair?
Nein.
Ist es warm?
Ja.
Und im Moment ist Wärme kein Luxus.
Sie ist Überleben.
- Der Text beschreibt meine persönliche Erfahrung mit dem Winter in Tunesien.
- Im Mittelpunkt stehen Kälte, fehlende Heizung und Improvisation im Alltag.
- Es geht nicht um technische Lösungen oder Anleitungen.
- Der Beitrag zeigt den emotionalen Unterschied zwischen Schweizer und tunesischem Winter.
- Der Text ist eine subjektive Beobachtung über Anpassung und Überleben.