Wie fühlt sich das Leben in Tunesien wirklich an, wenn Infrastruktur, kulturelle Prägung und eigene Privilegien frontal aufeinanderprallen?
In diesem dritten Teil meiner Reihe „Ein Land zum Sterben schön“ erzähle ich von Stromausfall, einem sehr teuren Kalbsfilet – und davon, was passiert, wenn Schweizer Systemvertrauen auf tunesische Realität trifft.
An Valentinstag letzten Samstag habe ich mir ein Kilo Kalbsfilet gekauft.
Denn nichts sagt mehr „unabhängige Frau” aus, als viel zu viel Geld für teures Fleisch auszugeben, während man spektakulär Single ist.
Es kam spät an.
Sehr spät.
In einer Lieferbox, die nur dann Vertrauen erweckt, wenn man fest an Schicksal glaubt.
Ich hab mir gesagt, es ist Februar. Es wird schon gut gehen.
Stromausfall in Tunesien – wenn der Kühlschrank nicht mehr kühlt
Sonntagmorgen: Stromausfall.
Kein Strom. Keine Heizung. Der Wind treibt sein Unwesen in der Wohnung, trotz der von den Tunesiern selbstbewusst als „geschlossen” bezeichneten Fenster. Ich habe mich in Decken gewickelt, trinke Kaffee und fühle mich dramatisch, aber mutig.
Und dann fällt es mir wieder ein.
Das Filet.
Ein Stück Fleisch, das ungefähr einem tunesischen Wochenlohn entspricht. Es liegt in einem Kühlschrank, der nicht mehr kalt ist.
Schweizer Sicherheitsdenken vs. tunesische Realität
Und hier kollidiert meine Schweizer Prägung heftig mit der Realität.
Drei Tage lang – von Samstag bis Dienstag – kreiste ich emotional um dieses Filet.
Wegwerfen?
Das wäre sicher.
Das wäre auch dekadentes, verwöhntes europäisches Verhalten.
Essen?
Das könnte mutig sein.
Oder fatal.
Ich schwankte zwischen zwei inneren Stimmen:
Stimme eins:
„Wirf es einfach weg. Sei nicht dumm.“
Stimme zwei:
„Nur verwöhnte Schweizer Prinzessinnen verschwenden Fleisch, das so viel wert ist. Reiss dich zusammen.“
In der Zwischenzeit probten meine Angststörung und ich schon unseren Aufenthalt in einem dramatischen staatlichen Krankenhaus. Ich sah mich selbst unter flackernden Neonlichtern gegen mysteriöse Bakterien kämpfen. Heroisch. Tragisch. Ein bisschen theatralisch.
Vertrauen lernen – oder wenigstens am Fleisch riechen
Die KI schlug mir vor, einfach am Fleisch zu riechen.
Wo ich herkomme, riechen wir nicht an Fleisch. Wir vertrauen den Systemen. Wir vertrauen den Verfallsdaten. Wir vertrauen darauf, dass zwischen Kuh und Verbraucher eine Armee von Vorschriften bereits für uns gerochen hat.
Ich bin eine erwachsene Frau, die den Kontinent gewechselt hat.
Und ich weiss nicht, wie rohes Kalbfleisch riechen soll.
Also rieche ich daran.
Ist das Essig?
Oder meine Einbildung?
Oder der Duft meiner zerbrechlichen europäischen Unschuld, die sich auflöst?
Irgendwann entschied ich, dass ich eine zweite Meinung brauchte.
Nicht von der KI.
Nicht von meiner Mutter in der Schweiz.
Von meinem sehr attraktiven tunesischen Nachbarn.
Ich wartete, bis wir uns am Abend zum Fussball schauen im Café treffen.
Ich frage ganz ich beiläufig: „Könntest du vielleicht später noch kurz mit zu mir kommen und mein Fleisch überprüfen?“
Ich hielt den Blickkontakt eine Sekunde länger als nötig. Gerade lang genug, um den Satz von kulinarisch zu konversationell gewagt zu machen.
Er blinzelte einmal.
„Klar.“
Später in meiner Küche legte ich das Filet wie einen Beweis in einem Gerichtsverfahren auf die Arbeitsplatte.
Er trat näher. Beugte sich vor. Untersucht es mit ruhiger Konzentration. Drückte leicht darauf. Riechte daran. Bewertete Textur und Farbe mit der Ernsthaftigkeit eines forensischen Experten.
Nach einer halben Minute richtete er sich auf und sagte ruhig:
„Es ist gut.“
Das war’s.
Anscheinend wurde meine sorgfältig konstruierte Zweideutigkeit übersetzt mit:
Nachbar braucht praktische Hilfe bei der Proteinversorgung.
Ich war erleichtert wegen des Fleisches.
Weniger wegen meiner Verführungskünste.
Leben in Tunesien bedeutet auch: Drama relativieren
Ich kochte es.
Es war ausgezeichnet. Zart. Perfekt. Das Drama wert.
Nach etwa 200 Gramm hatte ich eine weitere Erkenntnis:
Ich mag Fleisch generell eigentlich gar nicht so sehr.
Luna, mein Hundmädchen, hingegen erlebte den schönsten Valentinstag-Dinner-Nachhol-Tag ihres Lebens.
Und so stehen wir nun da.
Vier Tage existenzielle Krise.
Moralphilosophie über Lebensmittelverschwendung.
Imaginäre Krankenhausszenen.
Gescheiterte Flirtstrategie.
Luxus-Protein-Panik.
Und das alles, weil ich mir das Offensichtliche nicht eingestehen konnte:
Ich hätte einen Gemüseauflauf machen können.
Tunesien lehrt dich viele Dinge!
Wie man Fleisch riecht.
Wie man sich mit seinen Privilegien auseinandersetzt.
Wie man sein eigenes Melodram überlebt.
Und wie man in mindestens zwei Sprachen erfolglos flirtet.
Tunesien.
Ein Land, für das man sterben könnte.
FAQ – Alltag und Leben in Tunesien
Je nach Region kommt es besonders im Winter oder bei Wartungsarbeiten zu temporären Ausfällen. In touristischen Gebieten sind sie seltener, aber nicht ausgeschlossen.
Grundsätzlich ja – allerdings sind Kühlketten nicht immer mit europäischen Standards vergleichbar. Gesunder Menschenverstand und eigene Wahrnehmung sind wichtig.
Der Umgang mit Unsicherheit. In Europa vertrauen viele auf Systeme. In Tunesien verlässt man sich stärker auf persönliche Einschätzung und Beziehungen.

